Heimatvereinigung: Theatergruppe brachte den Schwank „Schlachtfest bei Schmidt“ auf die Bühne / Begeistertes Publikum im voll besetzten Parktheater

Gerüchteküche um Mord und Totschlag
Bensheim. Spritzige und süffige Dialoge, schräge und schrullige Charaktere sowie ein Verwirrspiel mit Zutaten aus der Gerüchteküche - die jüngste Inszenierung der Theatertruppe in der Heimatvereinigung "Oald Bensem" hat es in sich. Die Bühnen-Akteure begeisterten das Premieren-Publikum am Samstag im voll besetzten Parktheater.
Mit dem von Roland Lange verfassten Stück "Schlachtfest bei Schmidt" griff die Truppe auf einen amüsanten Kriminalschwank zu, in dem die bäuerliche Bodenständigkeit in Bensheimer Gefilden auf das hochnäsige High-Society-Gehabe aus der Frankfurter Metropole prallt. Das Grunzen von Schweinen und die Stille nach einem Schuss lassen das Publikum den Vorgang erahnen.
Das Schlachtfest gehört in den herbstlichen Jahreskalender der Schmidts, doch das frisch zugezogene Ehepaar aus "besseren Kreisen" - Dr. Roland Zippel und seine Frau Marlene Zippel-Wendhut - versetzt der Knall in Angst und Schrecken. Als ihnen dann noch die Nachbarin wie auch ihre jugendliche Tochter von der Erschießung ihrer Tante Käthe erzählen, schrillen die Alarmglocken bei den Städtern. Sie schalten die Mordkommission ein.
Abstruse Verdächtigungen
Für zusätzlichen Zündstoff sorgen die abstrusen Verdächtigungen der Nachbarin Ulla Henkelmann und der Kioskbetreiberin Gisela, die mit kriminalistischem Spürsinn à la Agatha Christie spielen. Die Inszenierung fährt ein illustres Figurenkabinett auf, das seine Spielräume behauptet. Entsprechend war die Bühne arrangiert.
Auf der einen Seite das kleine Häusle in der Sandstraße 3 mit einem kuschligen, grünen Vorgarten und abgeschirmt mit einem Jägerzaun. Auf der anderen Seite der Bauernhof der Schmidts mit einem großen Scheunentor und allerlei bäuerlichen Gerätschaften. Daneben ein Kiosk, das mit der Langnese-Fahne und der Marlboro-Werbung zeigt, dass hier mehr zu haben war als Zeitschriften.
Die Komplikationen im engen Nachbarschaftsgeflecht sind vorprogrammiert. Zunächst prallen mit der Bauersfrau und der "Adeligen" zwei Figuren aufeinander, die beide das Heft nicht aus der Hand geben können. Sonja Rödel verkörperte überzeugend die Figur der blaublütigen Marlene Zippel-Wendhut. Sie outet sich unermüdlich als Vertreterin der gehobenen Gesellschaft mit einer persönlichen Ahnentafel von Rang und Namen. Sonja Rödel gab der Figur die klaren Kanten einer Herrscherin, die offensichtlich auch im Eheleben regiert.
Unter ihrer Fuchtel hat der Regierungsdirektor a.D. Dr. Robert Zippel nichts zu melden. Friedhelm Volk kehrt die Unsicherheit eines unterdrückten Mannsbildes hervor, der Kaffee und Kuchen serviert und seinem "Marlenchen" hörig ist. Bis er die Dienerrolle quittiert und der Domina die Küchenschürze und das Geschirrtuch vor die Füße wirf, vergeht viel Zeit.
Die Bäuerin Gertrud Schmidt alias Christina Gerber drückt ihre dörfliche Verwurzelung in einem entsprechenden Machtgehabe aus und protzt mit durchschlagendem Schneid. Sie steht mit beiden Beinen im Alltag. An verbalem Nachdruck bis hin zu Derbheiten mangelt es nicht. Notfalls zieht sie mit dem Nudelholz entsprechende Drohgebärden auf, die ihre Wirkung nicht verfehlen.
Ein wahrlich kurioses Zusammenspiel kommt mit Ulla Henkelmann (Daniela Zeig) und Gisela (Cordula Munkes) ins Spiel. Der Kiosk entpuppt sich als Börse der brühwarm verteilten Neuigkeiten. Mit dem Staubwedel oder Straßenbesen in der Hand tritt Gisela zwar optisch in den Hintergrund, ist aber immer präsent. Sie beobachtet genauestens und schnappt die Halbwahrheiten auf. Wenn sie dann loslegt, platzen sogleich gewaltige Seifenblasen. Sie spinnt aus Fadenscheinigem eine Gerüchteküche von Mord und Totschlag, von Gangsterbanden und sizilianischer Mafia.
In Ulla Henkelmann, die gern mal zu viel am Alkohol nippt und über die Bühne stolpert, findet sie eine geniale Mitspielerin auf ihrer kriminalistischen Spurensuche. Aus dem "Killer-Schorsch" (Karl-Dieter Melzer) wird der liebenswürdige und gesellige Metzger. Neue kuriose Schlaglichter wirft hingegen Maike Schmidt ein. Hinter dem Auftritt der Kriminalbeamten vermutet die fantasiebegabte Jugendliche Fernsehaufnahmen zur Derrick-Serie. Immerhin heißt der Kriminalassistent auch Harry.
Leitender Kommissar Stefan Freytag (Rudolf Wolf) schickt ihn an die Front, um nach Leiche und Tätern suchen. Er selbst belässt es lieber bei klugen Kommentaren zur kriminologischen Strategie und frönt ansonsten dem leiblichen Wohl - vom Zippelschen Käsekuchen bis hin zur Schmidt'schen Fleischwurst von Tante Käthe.
moni © Bergsträßer Anzeiger, Dienstag, 06.11.2012

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